Samstag, 21. August 2010

Art in America

In der Bibliothek des International Houses in Berkeley kann man neben den neuesten Ausgaben von India Today, Forbes und Art in America auch eine Reproduktion der Büste der Nofretete bewundern. Ich habe lange gebraucht, bis ich wusste, was mit ihr nicht stimmt: das fehlende Auge fehlt nicht. Die amerikanische Nofretete sieht mit beiden Augen, während die deutsche nie ein zweites Auge hatte, denn die Büste hat die Werkstatt des Bildheuers Thutmosis nie verlassen. Die Archäologen, die die Büste im Jahre 1912/13 in Tell el-Amarna ausgruben, vermuteten zunächst, dass die fehlende Augeneinlage, die aus Bergkristallen besteht, verloren ging. Erst später hat der Archäologe Ludwig Borchardt gezeigt, dass das Auge nie eingesetzt wurde.


Je länger ich die Statue betrachte, desto mehr scheint sie mir eine Allegorie zu sein, für die Abwesenheit jeglicher Ironie im Herzen der Amerikaner. Wenn man ironisch über noch so banale Themen spricht, wird das hier meist völlig missverstanden. Es geht dem Amerikaner um character, was so viel heißt wie Echtheit, down to earth, Originalität. Die Idee der Echtheit ist so allgegenwärtig, dass ein deutscher Student der Wirtschaftswissenschaften aus Bonn mir verrät, dass der Park bei der Golden Gate Bridge Charakter hat. Irgendein Friedensvertrag wurde dort wohl abgeschlossen, deswegen sei es dort so ruhig.

Die amerikanische Sehnsucht nach Echtheit scheint so weit zu gehen, dass Fragmente vollständig gemacht werden, obwohl sie es nie waren. Da dem Durchschnittsamerikaner nicht zugetraut wird zu wissen, dass die Nofretete nur ein Auge hat und er daran Anstoß nehmen könnte, wird das fehlende Auge wohl einfach ersetzt. We’ve got it all. Während die deutsche Nofretete ein Auge zudrückt, to turn a blind eye on s.th., sieht die amerikanische alles. Vielleicht sind alle allegorischen Frauen in Amerika anders und Kafkas Beschreibung der Freiheitsstatue in New York ist doch korrekt:

„[…] in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenem Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.“

Freiheitsgöttinnen haben hier Schwerter und ägyptische Göttinnen Augen, die man nicht zudrücken kann.

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