Je länger ich die Statue betrachte, desto mehr scheint sie mir eine Allegorie zu sein, für die Abwesenheit jeglicher Ironie im Herzen der Amerikaner. Wenn man ironisch über noch so banale Themen spricht, wird das hier meist völlig missverstanden. Es geht dem Amerikaner um character, was so viel heißt wie Echtheit, down to earth, Originalität. Die Idee der Echtheit ist so allgegenwärtig, dass ein deutscher Student der Wirtschaftswissenschaften aus Bonn mir verrät, dass der Park bei der Golden Gate Bridge Charakter hat. Irgendein Friedensvertrag wurde dort wohl abgeschlossen, deswegen sei es dort so ruhig.
Die amerikanische Sehnsucht nach Echtheit scheint so weit zu gehen, dass Fragmente vollständig gemacht werden, obwohl sie es nie waren. Da dem Durchschnittsamerikaner nicht zugetraut wird zu wissen, dass die Nofretete nur ein Auge hat und er daran Anstoß nehmen könnte, wird das fehlende Auge wohl einfach ersetzt. We’ve got it all. Während die deutsche Nofretete ein Auge zudrückt, to turn a blind eye on s.th., sieht die amerikanische alles. Vielleicht sind alle allegorischen Frauen in Amerika anders und Kafkas Beschreibung der Freiheitsstatue in New York ist doch korrekt:
„[…] in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenem Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.“
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